„Save our Souls“  (oder: … _ _ _ …)  ist sicherlich das bekannteste und emotionalste Morsesignal. S.O.S. signalisiert Lebensgefahr und die Aufforderung zur Rettung. Der Untertitel des Festivalmottos überrascht. Nicht die Kunst oder die Künstler_innen rufen um Hilfe – obwohl dies durchaus angebracht wäre. Sie bieten sich stattdessen als Retter_innen an. Der Notruf scheint von „der Welt“ auszugehen und „die Kunst“ ist bereit, zur Rettung zu kommen. Doch ist die Aussage „Kunst rettet Welt“ verstörend. Kann denn Kunst „die Welt“ überhaupt retten? Wer muss gerettet werden? Und wer könnte dies tun? Was kann die Kunst?

S.O.S. ist eine Metapher für den Zustand von Kunst und Gesellschaft. Wir leben in einer Zeit, in der es viele Gefährdungen gibt. Von regionalen bzw. sozialen Konflikten über globale Fluchtbewegungen bis hin zu den Herausforderungen der individuellen Existenz. Kunst muss sich vielleicht auch aufgrund dieser Situation permanent die Frage nach ihrem Ziel und Zweck stellen lassen.

S.O.S. fragt danach, welchen Forderungen bzw. Überforderungen sich Kunst und Gesellschaft ausgesetzt sehen. Dabei kommt der Verdacht auf, dass an „die Kunst“ häufig falsche Ansprüche gestellt werden – oder auch die Arbeit von Künstler_innen unter falschen Voraussetzungen bewertet wird.

Kunst kann viel – und muss noch mehr leisten.
In vielen gesellschaftlichen Bereichen begleitet Kunst das Leben. Die ihr zugetrauten Aufgaben sind dabei ebenso vielfältig wie die Ausprägungen ihrer Erscheinungsformen.
Die inneren und äußeren Anforderungen an die Künste klaffen dabei weit auseinander. Was Künstler_innen aus eigenem Antrieb wollen, scheint zuweilen nicht von allgemeinem Interesse zu sein. Was die Gesellschaft von Kunst erwartet steht nicht immer im Einklang mit den inneren Vorstellungen der Kunstschaffenden.

Im Folgenden werden einige Beispiele aufgeführt, die die Potenziale von Kunst aufzeigen und zugleich Gefährdungen benennen. Diese sollen dazu anregen, zu den aus dem Festivalthema „S.O.S. – Kunst rettet Welt“ resultierenden Fragen künstlerische Positionen zu entwickeln.

Kunst und Ökonomie
Derzeit steht die gesamte künstlerische Produktion unter einem hohen Rentabilitätsdruck. Kunst ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor geworden: Resultierend aus dem im höchsten Preissegment boomenden Kunstmarkt, als Umwegs-Rentabilität für Kommunen und Regionen und nicht zuletzt als weicher Standortfaktor, der die Ansiedlung von Wirtschaftsunternehmen und Steuerzahler_innen befördert.
Welche Berechtigung haben finanziell nicht erfolgreiche Künstler_innen in einer Gesellschaft, die sich immer stärker an ökonomischen Verwertungsaspekten ausrichtet? Unter dem Paradigma der Nützlichkeit entledigt sich die Gesellschaft unliebsamer Teile der Kunst, während sie andere, den Gesetzen des Marktes folgenden Teile der Kunst im Sinne einer Kreativwirtschaft zielsicher fördert. Kunst mutiert so zunehmend zum Teil der Creative Industries und wird im Feuilleton zunehmend in dieser Hinsicht wahrgenommen. Meldungen etwa zu rekordträchtigen Auktionsergebnissen haben hier die Kunstkritik bereits weitgehend verdrängt. „Kunst-Stars“, die ob ihrer Ausnahmestellung finanziell unrealistisch hoch belohnt werden, stehen dabei einer Mehrheit von mehr als 97 % finanziell unerfolgreicher Künstler_innen gegenüber.

Kunst und Politik
Kunst übernimmt häufig Aufgaben einer staatlichen Repräsentation, wird sie doch auch in einem hohen Maße von Bund, Ländern und Kommunen gefördert. Politische und wirtschaftliche Würdenträger_innen suchen den demonstrativen Schulterschluss mit der Kunst. Dieser dient zuweilen einer Zurschaustellung des kulturellen Engagements, dahinter steht häufig der Wunsch, einen Imagegewinn zu erzielen. Als nationaler Botschafter vertritt Kunst Staaten im internationalen Wettstreit – etwa bei der Biennale in Venedig. Dabei soll sie zuweilen auch das Bild einer toleranten, zukunftsorientierten und kritikfähigen Gesellschaft kommunizieren – was nicht bei allen Staaten auch de facto der Fall sein muss.

Kunst und Bildung
Kulturelle Bildung soll bei Schüler_innen zu einer Stärkung von sozialen und kreativen Kompetenzen führen. Im Schulsystem antriebslose Kinder und Jugendliche sollen möglichst aus ihrem Alltagstrott gerissen und durch kreative Impulse aktiviert werden, um letztendlich zu funktionsfähigen Mitgliedern der Gesellschaft werden zu können. Kulturelle Bildung ist daher ein derzeit besonders stark wachsender Förderbereich innerhalb der künstlerischen Aktivitäten. Dabei wird die außerordentliche Bedeutung, die Künstler_innen auf die kreative und persönliche wie soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen haben können, anerkannt. Dabei steht häufig nicht die Eliteförderung oder die Suche nach Ausnahmetalenten im Vordergrund sondern eine breitenwirksame Vermittlung von kreativen Techniken, Methoden und damit einhergehenden Sekundärtugenden.
Künstler_innen werden zunehmend als pädagogische Feuerwehr eingesetzt. Ausfallender Regelunterricht in den Bereichen Kunst und Musik wird durch Projekte kompensiert.
Welchen Eigenzweck und welche Selbstberechtigung hat Kunst dann in diesem Kontext?

Kunst im gesellschaftlichen Kontakt
Die Ausweitung künstlerischer Projekte in eine breite Öffentlichkeit offenbart das Potenzial von Kunst, Menschen in einen Austausch zu bringen, sie für neue Inhalte und Kontakte zu sensibilisieren. Künstler_innen können Aufmerksamkeit generieren, um auf bestimmte Brennpunkte und Problemfelder in unserer Gesellschaft hinzuweisen. Sie setzen sich in ihren Projekten häufig mit gesellschaftlichen Randgruppen auseinandersetzen, geben marginalisierten Menschen eine Stimme und bieten die Möglichkeit zur Teilhabe an künstlerischen und politischen Prozessen an. „Soziokulturelle“ Kunst wird im Sinne einer „gesellschaftlichen Integration“ häufig besonders gefördert. Sozial schwache Quartiere oder problematische stadträumliche Siedlungen bieten zum Beispiel einen Impuls, Förderungen für Kunstprojekte auszuloben. Diese Aufträge sind oft genug eine der wenigen Möglichkeiten für Künstler_innen, Geld in ihrem Arbeitsbereich zu verdienen. Hier hat sich ein ganz neuer „Markt“ entwickelt, der eine Kunst begünstigt, die nebenbei Aufgaben der Sozialarbeit zu übernehmen scheint.

Kunst und Stadtentwicklung
Eine Stadt wie Berlin ist ein lebendiger Standort für den künstlerischen Austausch. Berlin gleicht immer noch einem Magneten, der kreative, junge Menschen anzieht. Ehemals benachteiligte Stadtquartiere erfahren eine unerwartete Aufwertung, werden nach und nach auch für bürgerliche Schichten – und für Investoren – interessant. Künstler_innen beteiligen sich mit visionären Ideen an der Stadtinnovation, lassen diese als Reiseziel besonders attraktiv erscheinen – wobei die Künstler_innen für ihre ursächliche Rolle bei der für das Stadtmarketing so attraktiven Aufwertung nicht belohnt, sondern vielmehr selbst zu Opfern von Mietsteigerung und Vertreibung werden.
Künstler_innen werden vielfältige positive wie negative Einflüsse auf die Entwicklung eines Stadtteils nachgesagt. Sie sehen sich Bewertungen ausgesetzt, die sie entweder als „Pioniere der Gentrifizierung“ oder als Motoren einer „ersehnten Durchmischung“ beschreiben.
Dabei scheinen die inhaltlichen Aspekte ihrer Arbeit keine Rolle mehr zu spielen. Sie werden häufig als Täter einer Verdrängung stigmatisiert und dabei für gesellschaftliche Prozesse verantwortlich gemacht, die weit jenseits ihres eigentlichen Wirkungsradius liegen.

Kunst und Zeitgeist
Einige Künstler_innen sind mit ihrer künstlerischen Produktion angetreten, die Welt zu verändern. Dazu gehörten neue soziale Lebensmodelle, politische Bewegungen oder Weltverbesserungsabsichten mit „therapeutischer Wirkung“. Diese idealistischen Bestrebungen wurden und werden von der Mehrheitsgesellschaft oft belächelt, im Nachhinein aber häufig als Beiträge einer Kulturgeschichte oder gar der politischen Kultur anerkannt und geschätzt.
Wie lässt sich aber dieses Potenzial zur Veränderung fasslich machen? Kunst ist Ausdruck eines Zeitgeistes und Motor von neuen Bewegungen und leistet zudem auch die Manifestation von Strömungen, die als Fanal für die Gegenwart und auch als historisches Dokument verdeutlichen, was Kunst konnte und weiterhin können soll.

Kunst und Sinn
Im Zentrum des Festivals steht 2015 also die Frage, inwieweit Kunst überhaupt Individuen, die Gesellschaft oder gar die Welt retten kann.
Kunst kann eine Gegenwelt wiedergeben. Sie verleiht dem Wunsch Ausdruck, das Leben aus der Mitte heraus neu zu gestalten. Doch wie verhält sich Kunst einem öffentlichen Leben gegenüber, das stillschweigend aber systematisch Rückzugsorte preisgibt und jedes kleine bisschen Privatsphäre opfert? Und gleichzeitig stellt sich die Frage: Welchen Anteil hat sie selbst daran? Was darf Kunst heute wollen, was sind die Themen, die Künstler_innen umtreiben? Gibt es Utopien und neue Ansätze, die jenseits einer Verwertbarkeit durch bestehende Strukturen entwickelt werden? Was ist der gesellschaftliche Beitrag der Kunst? Und was bedeutet diese Entwicklung für den Kunstbegriff?

Wie kann Kunst unserer Gegenwart anders entgegentreten, als mit ihren Mitteln laut zu rufen: Save our Souls!?